Die Christrose

Das ist Johanna. Ihr Papa hat mir das Foto geschickt. Es wurde im letzten Sommer aufgenommen. Da war Johanna nur wenig älter als ein Jahr. Und sie hat noch nicht viel gesprochen. Jetzt kennt sie schon viele Worte. Eines der letzten, die sie gelernt hat, heißt „Schnee“. Johanna freut sich über den Schnee und kümmert sich gar nicht darum, dass ihn manche Leute nicht mögen.

Jedenfalls erinnert mich das an folgende Geschichte: Ziemlich weit oben in den Bergen lebte vor langer Zeit ein alt gewordenes Paar in einer Berghütte. Der Mann war sein Leben lang Senner gewesen. Und als er noch jünger und gut zu Fuß war, verbrachte er hier oben immer die Sommermonate mit seinen Rindern. Im Herbst werden auch heute noch die Tiere hinunter in die Täler getrieben. Die kalte Jahreszeit würden sie oben auf den Bergen nicht überstehen. Denn auf den Wiesen, die ihnen im Sommer das gute Futter geben, liegt dann eine dicke Schneedecke. Dem Mann aber gefiel es da oben besser als an jedem anderen Ort. So baute er seine Berghütte aus, machte sie winterfest, schaffte Feuerholz heran und nahm eines Tages seine Frau mit hinauf. Es ging ihnen gut. Auch wenn es manchmal nicht einfach war, lebten sie glücklich und zufrieden. Bis auf eine Kleinigkeit. Das Haus, in welchem die Frau die vielen Sommer ganz allein verbracht hatte, besaß einen Garten. Er war nicht klein und nicht groß. Aber er fehlte ihr sehr. Neben Gemüse und Kräutern waren es vor allem die Blumen, die ihr viel Freude bereiteten. Und die Bäume, die sie alle selbst gepflanzt hatte und Jahr für Jahr größer werden sah. Der Mann hörte wohl den einen oder anderen Seufzer seiner Frau, wenn sie am Abend auf der Bank vor dem Haus saßen und in die Abendsonne blickten. Aber einen Garten anzulegen wäre in dieser steinigen Welt zu mühsam geworden. Wenn er auch noch immer gut beieinander war, brauchte er seine Kräfte für andere Dinge.

Der Winter hatte sich bereits angekündigt, als ihm ein Gedanke kam, der ihn nicht mehr losließ. Er hatte früher an einigen Stellen hier oben eine Blume gesehen, die im Winter blühte. Man mag es kaum glauben, aber das gibt es. Er machte sich am nächsten Morgen auf den Weg, einen Spaten in der Hand und auf dem Rücken eine Kiepe, wie sie die Leute zum Holzsammeln verwenden. Und er fand viele dieser Pflanzen, obwohl sie zu jener Zeit keine Blüten trugen. Doch er kannte sie und wusste auch, dass er vorsichtig sein musste, weil ihre Wurzeln giftig sind. Er grub sie aus und packte sie zwischen das Holz auf seine Kiepe. Als seine Frau am nächsten Tag zum etwas abgelegenen Brunnen gegangen war, setzte er heimlich die mitgebrachten Pflanzen rund um ihre Berghütte in die Erde. Dabei versuchte er, keine Spuren zu hinterlassen. Schon der nächste Tag brachte den Schnee, der alles zudeckte. Und es wurde bitter kalt. Aber der alte Senner vertraute darauf, dass der Schnee den Pflanzen Schutz und Wärme gibt. Und er behielt Recht. Am Weihnachtstag rief ihn seine Frau nach draußen. Sie strahlte vor Freude. An vielen Stellen rund um die Hütte schauten kleine weiße Blütenköpfchen durch die Schneedecke. Und weil dies zu Weihnachten geschah, erhielt die Schneerose ihren neuen Namen. Von nun an hieß sie Christrose.

Foto: D. Rose