Das Gänseblümchen

 

Heute früh habe ich mein Pingolo gesucht. Überall.
Ich hab sogar ganz tief in meinem Koffer gegraben, habe es aber wieder nicht gefunden. Dafür aber diese Feder.

Sie ist schön, nicht wahr? Gänse verlieren solche Federn manchmal auf ihren Reisen nach Norden oder Süden. Jedenfalls erinnert sie mich an folgende Geschichte:
In einem großen Garten, der zu einem noch größeren Park gehörte, blühten die schönsten Blumen, die man sich vorstellen kann: Rosen natürlich in allen Farben und Lilien, Dahlien und Astern im Herbst, Tulpen im Frühling und die große schlanke Schönmalve über den Sommer. Einmal entdeckte ein Junge die vielen schönen Blumen. Er hieß Fred und war fünf oder sechs Jahre alt. Als er näher gehen wollte, stand da aber ein recht hoher Zaun im Weg, und er kam an die Blumen nicht heran. Klettern war zu gefährlich. Dabei wäre er so gerne zwischen ihnen spazieren gegangen, denn die meisten waren viel größer als er.
An den nächsten Tagen ging er immer wieder zu dem Zaun, guckte hindurch und träumte, wie es wohl wäre, ein Marienkäfer zu sein und in diesem Blumenwald umher zu fliegen. Eines Morgens, Fred war zeitig unterwegs, sah er aus der Ferne eine große Schar Gänse auf der Wiese neben dem Garten. Sehr vorsichtig ging er weiter und achtete darauf, keinen Zweig am Boden zu zertreten. Seltsamerweise standen die Gänse beinah still, nur die Köpfe bewegten sich. Plötzlich aber waren sie verschwunden. Fred hatte wohl einen Augenblick nicht aufgepasst. Und dann sah er, was sie neben den saftigen Grashalmen aus der Wiese gezupft haben könnten: kleine Blumen. Er schaute sie sich genauer an. In der Mitte einer Blattrosette stand ein ziemlich hoher Stängel mit einer kleinen Blüte obendrauf. Um die goldgelbe Mitte der Blüte wuchsen weiße Strahlen. Andere waren rosa.

Fred wunderte sich, dass er die kleinen Dinger, die überall auf der Wiese zu sehen waren, bisher nicht bemerkt hatte. Eine Spaziergängerin erzählte ihm, sie heißen Gänseblümchen, weil sie von weitem wie kleine Gänschen aussehen. Fred nickte. Das kannte er, ihm war es wahrscheinlich genauso gegangen. Als er dann noch erfuhr, dass die Gänseblümchen von Januar bis November blühen, also vom letzten Schnee am Ende des Winters bis zum ersten, und dass man ihre Blüten über den Salat streuen kann, dachte er bei sich: „Hm, eigentlich viel beser als die Blumen hinter dem Zaun…“ Er bedankte sich bei der Frau, pflückte einen kleinen Strauß Gänseblümchen und nahm ihn für Mutti mit nach Hause.