Das Seifenkraut

Das ist ein Waschbrett.

Es hat irgendwo in meinem Koffer gelegen. Du weißt nicht, was ein Waschbrett ist? Schau mal richtig hin. Da siehst du ein gewelltes Blech, und damit es stabil und fest bleibt, ist ein Holzrahmen drum herum. Auf diesem Blech wurde früher mit viel Wasser und Seife die Wäsche gerubbelt, bis sie sauber war. 
Jedenfalls erinnert es mich an folgende Geschichte: In längst vergangener Zeit, als es noch keine Autos oder Flugzeuge gab, lebte und arbeitete ein junges Mädchen namens Lisa bei einer reichen Familie. Das Mädchen war von Beruf Magd. Ein Beruf, für den es keine richtige Ausbildung gab. Die Leute, bei denen eine Magd arbeitete, sagten ihr, was zu verrichten war. Und sie tat dann alles in der Hoffnung, dass sie es gut hinbekommen würde. Lisa war vor allem dafür verantwortlich, dass die Klamotten der Kinder ihrer Herrschaft immer strahlend sauber waren. Die beiden, ein Junge und ein Mädchen, machten sich aber in schöner Regelmäßigkeit so richtig dreckig. Von oben bis unten. Und was die für Kleidung hatten – seidene Westen, Kleider aus Samt, Hemdchen aus feinstem Leinen. So Edelklamotten halt. Mein lieber Scholli! Obwohl sich die Magd allergrößte Mühe gab, bekam sie die Sachen meist nicht sauber, und die Herrin schimpfte mit ihr in einer Art und Weise, die ich nicht erzählen möchte. Man darf nicht vergessen, es gab weder Waschmaschine, noch Waschpulver oder flüssiges Waschmittel. Nichts. 
Eines Nachts träumte das Mädchen von einer Wiesenpflanze, die, zum Waschwasser hinzu getan, für wirklich saubere Wäsche sorgte. Die Magd gab nicht viel auf Träume. Aber am nächsten Morgen dachte sie: „Schaden kann es ja nicht…“, ging hinaus auf die Wiese und fand tatsächlich das Kraut mit den zarten weißen Blüten, die sie im Traum gesehen hatte. Rasch war ein Arm davon gepflückt. Im Waschwasser gab es dann einen wunderbaren Schaum, und die Klamotten? Wurden wirklich sauber.
Lisa hatte das Seifenkraut entdeckt und ganz nebenbei gelernt, dass man hin und wieder seinen Träumen folgen sollte.