Die Wegwarte

Das war mal eine Blume, eine Rose, um genau zu sein.

So kann man mit ihr nicht mehr viel anfangen. Vielleicht Tee kochen? Oder mit den Blütenblättern einen gedeckten Tisch schmücken. Man kann aber getrocknete Blumen oder Gräser auch in ein Album kleben oder in einen Bilderrahmen tun und an die Wand hängen. Dafür muss man sie zuvor in einem Buch pressen.

 

Jedenfalls erinnert sie mich an folgende Geschichte:
Es gibt eine Blume, die fast nur an Wegrändern blüht. Ganz selten in der Mitte einer großen Wiese. Die Leute erzählen dazu: Vor vielen, vielen Jahren, zur Ritterzeit, verliebte sich ein junges hübsches Burgfräulein mit himmelblauen Augen eben in einen Ritter. 
Der lief meistens in ganz normalen Sachen herum. Also er trug weder eine Rüstung, noch einen Helm oder ein Schwert. Aber er benahm sich ritterlich. Das heißt, er war höflich, aufmerksam und hilfsbereit. Damals durften die Verliebten aber nicht so einfach miteinander spazieren gehen. Wenn sie zusammen sein wollten, war es besser, wenn sie sich versteckten. Aber meistens wollen ja Verliebte ohnehin alleine miteinander sein. Eines Tages musste dann der Ritter fort. Er wollte nicht, aber sein Chef, irgend so ein Fürst, schickte ihn in den Krieg in ein fernes Land. Es hieß Abschied nehmen. Ein letztes Mal traf sich der Ritter mit seiner Liebsten unten vor der Burg am Wegesrand. Sie umarmten einander. Er versprach wiederzukommen und sie versprach, hier auf ihn zu warten. Bevor er ging, sah er noch einmal in ihre himmelblauen Augen. Viele Jahre vergingen. Man sah immer wieder eine Frau unten am Weg vor der Burg stehen und in die Ferne schauen und wusste, sie wartete auf ihren Ritter. Aber der kam nicht. Eines Tages stand auch die Frau nicht mehr dort. Doch an der gleichen Stelle blühte diese Blume mit den himmelblauen Blüten. Und die Leute gaben ihr den Namen Wegwarte.